Galerie Scheißi DonkScape ego Service

Episode 22

Als sein Verstandesäquivalent, was nichts weiter war als die rudimentärste Testversion eines Bewusstseins, wieder zu sich kam, saß er auf den harten Pflastersteinen vor der Mission und blinzelte in den verregneten Himmel. Über ihm stand Kotzbrocken und schüttelte den Kopf.

"Mann, da haste aber ne ganz schöne Schau abgezogen," sagte er. "Ham uns rausgeworfen, die Schweine. Was sagt man dazu?"

"Äh... Hallo!"

"Na, was soll’s. Komm, mein Jung! Machen wir einen drauf! Ich spendier dir einen!"

Einer endlosen Konfusion verfallen, rappelte sich Scheißi langsam auf und folgte dem davontrottenden Frosch, weil er nicht wusste, dass es noch andere Möglichkeiten gab. Die Kreativität, sich Alternativen dazu auszudenken und nicht mit einem angetrunkenen, heruntergekommenen Frosch durch eine kriminelle Großstadt zu ziehen, besaß er nicht. Also latschten beide um einige Ecken, durch den Regen. Die grob saure Flüssigkeit, die hier anstatt der muffigen Brühe im Bekackten Wald als Regen fiel, ätzte die groben Brocken Kotze aus Scheißis Fell, so dass er nur noch irrsinnig dreckig war, als sie vor einer schmierigen Spelunke zu stehen kamen. Ohne zu zögern stieß Kotzbrocken die Tür zu der Kneipe auf, worauf Scheißi die abgestandene Luft entgegenschwall.

Innen saßen einige Männer an der Theke und an Tischen. Zwei knapp bekleidete Matronen lümmelten sich in der einen oder anderen Ecke, auf der Suche nach einem anspruchslosen Trottel, dem sie ihre Zelluluitis mitsamt Inhalt für eine halbe Stunde zur Verfügung stellen könnten. Trotzdem wirkte der Innenraum sehr trostlos. Er war eindeutig auf weit mehr Gäste ausgelegt. Entsprechend erfreut reagierte der rotgesichtige, hypertone Wirt auf die plötzliche Multiplikation seiner Einnahmechancen: Er nickte gleichgültig und wartete auf die Bestellung Kotzbrockens, bevor er seinen fetten Körper in Bewegung wälzte. Kotzbrocken bestellte zwei Bier für sich und seinen Gefährten.

Scheißi fand die gesamte Szenerie sehr interessant. Etwas wie dies hatte er noch nie gesehen. Auch die Gestalten waren für ihn bislang ohne Beispiel. Die Luft roch seltsam. Er empfand sie nicht etwa als stinkend, so wie die Blumenwiese direkt außerhalb des Waldes. Es war aber auch nicht der wohlige Mief seiner Heimat. Es war einfach anders und fremd. Da das Eichhorn nach der Orgie in Gegammeltes Getreide und schlechtes Wasser... der Obdachlosenstation mehr als gesättigt war, fand er die Muße, sich genau umzusehen, ohne dabei an seine Bedürfnisse zu denken. Das fette Viech hinter der Theke stellte ihm und Kotzbrocken schließlich je einen Krug mit einer Flüssigkeit hin, die ihn von ihrer tiefgelben Farbe doch sehr stark an morgendlichen Urin erinnerte. Allerdings schäumte dieses Zeug stärker als Scheißi es erwartete.

"Prost!" rief der Frosch und erhob seinen Krug in Scheißis Richtung. Scheißi drehte sich um und sah hinter sich in die Richtung, in die Kotzbrocken seiner Meinung nach gedeutet hatte. Schulterzuckend griff das Eichhorn ebenfalls zu dem Krug und nahm einen tiefen Zug aus dem Gefäß. Dann spotzte er es direkt in Kotzbrockens Gesicht. Das Zeug schmeckte bei weitem nicht wie Pipi. Scheißi empfand den Geschmack als äußerst abstoßend. Während der Frosch Scheißi verblüfft ansah, blickte dieser genauso verblüfft in sein Glas. Warum gab es bloß manchmal Kreaturen, die so ekelhafte Sachen zu sich nahmen, wo doch die Welt voll der unterschiedlichsten Genüsse war?

Während nun Scheißi sich weiter in der Wirtschaft umsah, machte sich Kotzbrocken über sein Bier her. Nach den Geschehnissen in der Bahnhofsmission war er nicht wirklich über das Verhalten des Eichhorns verwundert. Er hatte seit mehreren Stunden keinen Alkohol getrunken und wollte genau das nun nachholen, egal, ob sich in den warzigen Hautfalten seines grünen Körpers überhaupt genug Geld befand, um ein ordentliches Besäufnis zu bezahlen oder nicht. Entweder würden sie ihn wieder ins Gefängnis werfen, oder sie würden ihn ausnahmsweise zusammenschlagen. Was auch immer sie taten, er wollte dabei ordentlich besoffen sein. Am nächsten Morgen war es dann egal, ob die Schmerzen ein Kater oder Platzwunden waren.

Scheißi war es inzwischen langweilig geworden, die plumpen, wabbeligen Gestalten mit ihren grobporigen, aufgedunsenen Schnauzen zu betrachten, die hier herumsaßen. Eines aber hatte ihn ungemein gefesselt. An einem Tisch saß eine Gruppe von drei angetrunkenen Idioten, die etwas taten, das Scheißi stark an Nusswurf erinnerte. Jeder von ihnen hielt einen Stoß bunter Pappkarten in der Hand, die sie abwechselnd mit ordentlicher Kraft auf den Tisch schleuderten. Hatten sie keine Karten mehr, verteilten sie sie neu und begannen von vorne. Interessiert schlenderte Scheißi zu ihrem Tisch hinüber, während Kotzbrocken nach seinem beinahe unberührten Bier langte.

"Hallo, ihr lustigen, fetten Männer!" sagte Scheißi und fuchtelte winkend vor ihren Augen herum.

"Was?" sagte der erste.

"Was?" sagte der zweite.

"Was?" sagte der dritte. Das ganze geschah mit der gleichen enigmatischen Verzögerung, mit der sie auch nacheinander die Karten auf den Tisch warfen.

"Darf ich mitspielen?"

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Die drei sahen sich an, zuckten mit den Schultern und einer von ihnen deutete auf einen Stuhl. Scheißi setzte sich.

"OK, wie heißt du?" fragte der eine.

"Ich bin Scheißi, das mental minderbemittelte Eichhorn."

"Klar. Ich bin Egon, das ist Kalle, das ist Atze," sagte Egon und deutete mit einem Bleistift auf die Mitspieler. Dann krakelte er Scheißis Namen zu den anderen auf einem kleinen mit Nummern vollgeschmierten Block, auf dem außerdem noch mit dem Schriftzug "Test the Pest" für eine Zigarette geworben wurde.

"Prima," sagte Atze, "einer setzt immer aus, wir gehen Reih um, fangen wir mit Egon an, der hat gerade gewonnen. Kalle ist dran mit Geben."

Kalle nahm die abgewetzten Spielkarten und mischte. Scheißi sah neugierig zu. Dann teilte Kalle nach einem seit Generationen überlieferten Ritus aus, bei dem er zwei Karten in die Mitte des Tisches klatschte. Seine Mitspieler hoben ihre Karten auf und sortierten irgendwie an ihnen herum. Das verstand das Eichhorn zwar nicht, doch ahmte er sie einfach nach.

"Was’ n Blatt!" murmelte Atze. Dann deutete er flüchtig auf Kalle, sich und Scheißi und sagte dabei: "Geben, hören, sagen! OK, Scheißi sag was."

"Hallo!"

"Was jetzt? Achtzehn oder weg?"

"Achtzehn od..."

"Weg!" sagte Atze.

"...oder weg!" beendete Scheißi.

"Weg?" fragte Kalle.

"Äh... ja, oder ach..." stammelte Scheißi, der überhaupt gar nicht verstand, was genau vor sich ging oder man nun von ihm erwartete. Mit Nusswurf hatte dieses scheinbar sinnlose Gebrabbel zumindest nichts mehr zu tun. Kalle nahm sich die Karten aus der Mitte, stopfte sie in sein eigenes Blatt, nahm zwei andere heraus, sagte: "Grand ouvert!" und klatschte alle Karten auf den Tisch. Scheißi sah das als den Beginn des Spieles an und schleuderte seine Karten mit einem fröhlichen "Juhuuu!" quer durch den Raum. Sie landeten auf Egon, Kalle und Atze, die ihn alle etwas böse ansahen.

"Was denn?" fragte er.

"Was soll denn die Scheiße?" fragte Egon.

"Wo? Welche?"

"Bist du krank im Kopp?" fragte Kalle.

"Ja."

"Ey, willste ‘n paar aufs Maul, oder was?" fragte Atze. Alle drei standen auf und langsam auf Scheißi zu.