Galerie Scheißi DonkScape ego Service

Episode 21

Die drei taperten mehr oder minder fröhlich durch einige Gassen im Bahnhofsviertel der Stadt. Überall roch es nach getrocknetem oder frischem Urin, der eine oder andere Stadtstreicher lag in seiner eigenen Scheiße unter einigen Blättern einer Zeitung oder einigen Pappdeckeln. Scheißi lief das Wasser immer mehr im Munde zusammen, und wären seine Gefährten nicht schweigend weitergegangen, wäre er gerne kurz verweilt, um etwas genauer zu schnuppern oder gar ein bisschen Pipi aufzulecken. So aber schnüffelte er nur aufgeregt herum und sah ansonsten zu, dass er nicht hinter den anderen zurückfiel.

Schließlich erreichten die drei ein verwittertes Haus, das über dem Eingang ein großes Transparent der Bahnhofsmission trug. Darauf stand "Fressen für alle". Das konnte Scheißi freilich nicht lesen, doch von innen drangen die unterschiedlichsten Gerüche auf ihn ein.

"Herzlich willkommen in unserer Sozialstation!" grinste Frau Fußpilz und winkte Kotzbrocken und Scheißi herein. Gerade wollte der Frosch die Türschwelle überschreiten, als Scheißi ihn mit einem manischen Ausruf "Mampfen!" aus dem Weg stieß. Kotzbrocken landete auf seinem grünen Hintern und fragte sich, was ihn da getroffen habe.

Hinter den Türen gab es einen großen Saal mit rissigen Wänden. Darinnen standen einige abgenutzte Tische und Stühle, an denen mehrere abgerissene Gestalten, man könnte sie auch als Penner bezeichnen, saßen und eine trübe Erbsensuppe in sich hineinlöffelten. Neuankömmlinge stellten sich an einem Tresen an, an dem sie erst einen Teller, dann einen ordentlichen Schwall der halbgrünen Masse in denselben bekamen. Dann griffen sie sich einen Löffel und suchten sich einen Platz.

Nicht so Scheißi. Wie erwartet durchstöberte er die finsteren Ecken des Raumes, schnüffelte hier und schlabberte da etwas am vergilbten Putz. Entgeistert betrachtete Frau Fußpilz das Geschehen und tippte vorsichtig auf Kotzbrockens Schulter.

"W-w-w-was macht das da?" stotterte sie, sobald sie die ungeteilte Aufmerksamkeit des Amphibiums besaß. Dann schritt sie zu Scheißi hinüber, der gerade versuchte, den ranzigen Mantelzipfel eines Obdachlosen Iltis anzunagen.

"Die Suppe gibt es da vorne!" sagte sie ihm.

"Aha," sagte Scheißi und wischte sich mit dem Zipfel über den Hintern, um dann erneut zu probieren. Der Iltis sah von seiner Suppe auf und starrte ihn an.

"Ey, sollllnass?" fragte er.

"Schmeckt gut!" sagte Scheißi und stopfte sich mehr von dem Mantel in den Schlund.

Der Iltis betrachtete das ganze kurze Zeit, beurteilte die Situation mit der Schnelligkeit, mit der eine Eiche verwittert, und kam zu der Überzeugung, dass das Vieh ihm oder jedenfalls seiner abgeranzten Kleidung wohl Schaden zufügte. Also erhob er langsam seine Stimme und sprach: "Gib das her!"

Er riss an dem Mantel und zog ihn aus Scheißi heraus, der bereits Teile davon geschluckt hatte. Das Eichhorn gab ein würgendes Geräusch ab und ließ dann den Mantel mit einem fröhlichen Rülpser fahren. Vorwurfsvoll sah er den Iltis an.

"Ich wollte das essen!"

"Is’ mein Mantel!"

"Ich habe aber Hunger!"

"Hol dir ne Suppe."

"Genau!" mischte sich Frau Fußpilz ein. "Da hinten gibt es eine hervorragende Erbsensuppe. Wollen Sie nicht probieren? Riechen Sie nicht diesen Duft? Hmmmmm!"

"Den Duft da riech ich!" antwortete Scheißi und rammte seinen Finger in die Achselhöhle des Iltis, der darauf laut quietschte. Der gesamte Saal verfiel in betretenes Schweigen. Mehrere Augenpaare starrten in Richtung des Iltis, der sich beschämt umsah. Die Ente rammte sich die Flügel in die Hüften und blickte leicht ärgerlich auf Scheißi hinab, der seinen Finger aus der Achselhöhle des Penners zog, sich in den Mund steckte und genüsslich daran nuckelte.

"Wollen Sie jetzt etwas essen, oder wollen Sie nur irgendwelche Gäste stören?" fragte Frau Fußpilz.

"Essen!"

"Dann stellen Sie sich da in die Schlange an dem Tresen..."

"Schlange?"

"Ja, da!"

"Satan?"

"Bitte?"

"Satan, die Schlange. Er hat mich hergebracht. Wo ist er? Ich will zu ihm, er ist lieb!"

"Sie sind hier in einem Haus der Kathetrischen Kirche!"

"Du sagtest, da sei die Schlange."

"Eine Schlange zum anstellen!"

Scheißi betrachtete die entnervte Ente mit einem verwirrten Blick, lächelte wieder und versuchte kurz darauf, den stinkenden Iltis anzuknabbern.

"He!" sprach erneut Frau Fußpilz. "Ich sag es nur ungern noch einmal, aber Essen gibt es da vorne bei der Schlange..."

Scheißi sprang auf, die Schnauze nur wenige Millimeter vor ihrem Schnabel postierend, und grinste.

"Also doch!" sagte er und sprang dann über mehrere Tische und schrie: "SATAN! SATAN! ICH BIN'S! SCHEISSI! WO BIST DU, SATAN?", wobei er einige Stühle, zwei Penner und zahlreiche Schüsseln mit Erbsensuppe umwarf. Als er in seinem wilden Sprint in Richtung der Theke die Schlange nicht sah, bremste er abrupt, schlidderte in einer Pfütze Suppe aus und landete unsanft im Schoß eines der Gäste.

Dessen Magen, in den Scheißi einen seiner Füße rammte, war alles andere als begeistert von diesem plötzlichen Angriff, so dass er Scheißi einen ordentlichen Schwall Erbsensuppe zusammen mit einigen DreckDonald’s Pommes, die er gerade erst von einem gelangweilten Bankazubi geschenkt bekommen hatte, ins Gesicht kotzte. Gegenseitiges Ankotzen war neben Nusswurf eine der Lieblingsbeschäftigungen von Scheißi und Pisskopp gewesen, so dass das Eichhorn reflexartig das Maul aufriss und versuchte, so viel wie möglich vom Erbrochenen direkt aufzufangen. Einiges ging daneben, doch das sammelte Scheißi genüsslich auf. Dann sagte er: "Danke!" und erhob sich langsam. Die vielen Augen, die zuvor noch in Verwunderung schwelgten, begannen nun in hilfloser Übelkeit dreinzublicken. Hie und da versuchte jemand bereits, seinen Würgereiz zu unterdrücken. Irgendwann half alle Selbstdisziplin nicht mehr, und eine Orgie des Würgens und Kotzens begann. Überall ertönte neben dem gequälten Keuchen abgerissener Gestalten das Pladdern von Erbsensuppenmasse auf Tischen, Fußboden oder Tischnachbarn. In diesem Inferno der Regurgitationen rannte Scheißi hin und her, verwirrt, wo er zuerst essen sollte. So viele Leckereien hatte er seit dem organischen Abfall im Krankenhaus nicht mehr gesehen, doch dies war viel aufregender, weil die Produktion unmittelbar erfolgte. Während einige der Angestellten sich blassgrün an die Wände drückten und Frau Fußpilz und Kotzbrocken sich langsam dem Ausgang zuwandten, bemüht, keinem Schwall Halbverdautem in die Quere zu kommen, schlidderte Scheißi quer durch das Chaos, schnappte hier nach etwas, schlabberte dort ein wenig und schlürfte zwischendurch genüsslich an einer der vielen stinkend sauren Pfützen, die immer mehr wurden. Nach kurzer Zeit war sein Gehirn nicht mehr bereit, sich zwischen zwanzig kotzenden Gestalten zu entscheiden und schaltete sich ab. Zuckend und grinsend blieb Scheißi auf einem Tisch liegen. Sein Bauch war voll, sein Fell von Klumpen verkleistert, sein Verstand nicht existent. Er war glücklich.