Galerie Scheißi DonkScape ego Service

Episode 20

Debile Glückseligkeit versprühend setzte er sich direkt davor auf die Pflastersteine, während hinter ihm die Limousine des Würgermeisters abgeschleppt wurde. Faszinierend betrachtete Scheißi das bunte Treiben am Eingang. Dort saß er beinahe unbeachtet von all den umherschwirrenden Tieren, wurde hin und wieder angerempelt, man zeigte mit von Ekel verzerrtem Gesicht auf ihn, niemand aber berührte ihn willentlich oder sprach ihn an, bis nach etwa zwei Stunden eine sanfte Stimme sagte:

"Oh, mein Gott! Kann ich Ihnen helfen?"

Aus seiner Trance herausgerissen sah Scheißi auf und blickte in die sanften Augen einer Ente, die an ihrer Brust das Zeichen der Römisch-kathetrischen Seelsorge trug. Nicht unbedingt erfreut über den Anblick, aber dennoch hilfsbereit, beugte sie sich zu dem lungernden Nagetier hinab. "Helfen?" fragte Scheißi verdutzt.

"Sie haben offenbar kein Dach über dem Kopf, junger Mann."

Scheißi blickte einen kurzen Moment zum Himmel und sagte: "Stimmt."

"Wissen Sie von unserer Obdachlosenstation in der Einlaufgasse?" fragte sie gütig lächelnd.

"Nein, ich weiß gar nichts."

"Haben Sie vielleicht Hunger?"

"Ja!" antwortete Scheißi, der abgesehen von etwas Froschkotze lange nichts gegessen hatte.

"Vielleicht möchten Sie ja auch... ich meine, wie lange ist es her, dass Sie..."

"Was?"

"Wir haben auch einen Waschraum..."

"Warum?"

"Na, zum waschen. Man muss sich doch irgendwo waschen. Hin und wieder jedenfalls."

"Waschen?"

"Ja, wir können Ihnen auch Seife geben. Wollen Sie nicht mal ein richtiges Vollbad nehmen? Danach bekommen Sie eine heiße Suppe. Und Sie brauchen nichts zu bezahlen."

"Bezahlen?" Scheißi blinzelte die freundliche Ente verwirrt an, die noch nicht realisiert hatte, daß sie mit Begriffen um sich warf, die für das Eichhorn so bedeutungsvoll waren wie der Schaltplan eines Magnetresonanztomographen.

"Wir finanzieren uns durch Spenden. Die Station wird von der Römisch-kathetrischen Kirche finanziert."

"Ja... äh..." sagte Scheißi, der langsam die Orientierung verlor.

"Das gehört zu unserem Wohlfahrtsprogramm."

"Was gehört wem?"

"Wir von der Römisch-kathetrischen Kirche..."

"Wer?"

"Wir. Also..."

"Ich auch?"

"Das weiß ich nicht. Sind Sie kathetrisch?"

"Ich bin Scheißi, das unglaublich stumpfsinnige Eichhorn."

"Ich meine, sind Sie in der Kirche?"

Scheißi blickte sich um. "Weiß nicht. Bin ich?"

"Das meine ich nicht. Das hier ist nur das Trottoir."

"Ist es?"

"Ja. Ich meine allgemein: Sind Sie in der Kirche?"

"Ich weiß nicht, wo ich bin..." sagte Scheißi, sich immer noch umsehend.

"Ich meine doch nicht jetzt!"

"Wann dann?"

"Sind Sie Mitglied in einer Römisch-kathetrischen Kirchengemeinde?"

Scheißi verstand nichts mehr und kehrte unverrichteter Dinge zu dem einzig wichtigen Thema zurück: "Hunger?"

"Äh... ja, es gibt eine Suppe. Erbsensuppe. Wollen Sie Erbsensuppe?"

"Ich will Hasenködel."

"Wofür?"

"Hunger."

"Äh... wollen Sie, dass ich Sie zu unserer Station führe?"

"Ich will Hasenködel!" sagte das Eichhorn in quengeligem Ton, weil die Ente nur um den heißen Brei oder (in seinem Fall) die heiße Flitzkacke herumredete.

"Meine Güte," seufzte sie. "Ich versuch’s ein letztes Mal, okay?"

"Okay!" antwortete Scheißi, wußte aber nicht warum.

"Ich arbeite in einer Obdachlosenstation, die von der Römisch-kathetrischen Kirche und getragen wird, und... ich habe das Gefühl, sie verstehen kein Wort von dem was ich sage."

Das Eichhorn nickte aufgeregt.

"Ich biete Ihnen die Chance sich zu waschen und dazu eine Suppe." sagte sie verzweifelt. "Wie können Sie diese Gelegenheit einfach so wegwerfen?"

"Ich habe mal eine Nuss weggeworfen!"

"Was?"

"Beim Nusswurf!" sagte Scheißi und schleuderte die obligatorische imaginäre Nuss quer über den Bürgersteig. Dabei drehte er sich um seine eigene Achse, fiel hin und blieb der Länge nach liegen. Er rülpste genüßlich. Dann rollte er sich auf den Rücken, um nach der Entendame zu sehen. Sie stand noch immer neben ihm, achtete aber nicht mehr auf das Eichhorn, sondern blickte die Stufen zum Polizeipräsidium hinauf und rief einmal mehr: "Oh, mein Gott!"

Dann batschte etwas neben ihr und Scheißi auf den Bürgersteig. Beide blickten neugierig den hilflosen Haufen an, der da gerade aus dem Präsidium geworfen worden war. Es war schmutzig grün, hatte große, gelbe Glubschaugen und war Scheißi schon einmal begegnet: Es war der Frosch.

Das Amphibium setze sich umständlich auf, rammte sich einen Hut auf den Kopf, der gerade hinter ihm her gesegelt war, und sah zu den beiden Tieren, die ihn neugierig beäugten.

"Wwas glodzst ihr mich so an? Habbt ihr noch nie’n Frosch mi'm K-kater geseehn? Mmomend mal. Kennich euch nich?"

"Ich bin Frau Fußpilz von der Obdachlosenstation in der Einlaufgasse," sagte die Ente.

"Ich bin Scheißi, das universell bratzige Eichhorn," sagte das Eichhorn.

"Klasse!" sagte der Frosch. "Ich bin Kotzbrocken, der besoffene Frosch."

Kotzbrocken erhob sich langsam aus der sitzenden in eine einigermaßen stehende Position und sagte zu Frau Fußpilz: "He, Schätzchen! Ich hab mein ganzes Essen ausgekotzt. Wo war doch gleich deine Station? Ich hab Hunger!"

Das Gesicht der Ente begann wieder ordentlich breit zu grinsen, worauf sie beide Tiere aufforderte, mit ihr zu kommen. Der Frosch hoppte hinter ihr in Schlangenlinien her, während Scheißi, sabbernd den beiden folgte. Er hatte endlich jemanden gefunden, der ihm sagte, wohin er gehen solle. Und am Ende des Weges gab es sogar etwas zu essen.