Galerie Scheißi DonkScape ego Service

Episode 11

HAPPA!"Aber Satan", sagte Scheißi. "Ich bin noch gar nicht satt!"

Die Schlange versuchte verzweifelt und angewidert, das Eichhorn von der Müllkippe wegzuziehen. "Wir müssen fort!" drängte sie. "Der Feind ist uns auf den Fersen."

"Wer?"

"Der Feind. Komm!"

"Wer ist der Feind?"

"Das sind all jene, die verhindern wollen, daß wir Verderben bringen."

Die Schlange hatte Scheißi mit dem Ende ihres Körpers umwunden und zog kräftig. Scheißi konnte sich gerade noch den einen oder anderen Klumpen verwestes Fleisch greifen, bevor er von dem stinkenden Krankenhausabfall weggezogen wurde. Schnell verließen sie das Krankenhausgelände, und Satan führte Scheißi in eine Richtung, in die er noch nie gegangen war.

"Wohin gehen wir?" fragte das Eichhorn.

"Wir verlassen den Wald."

"Ich will nicht aus dem Wald 'raus."

"Wir müssen Verderben bringen. Das können wir hier nicht."

"Schade, warum denn nicht?"

"Dieser Wald ist bereits verdorben."

"Ach, darum gefällt es mir hier so gut."

"Wahrscheinlich", sagte Satan und beschleunigte seine Schritte noch etwas. Da das Krankenhaus eher nah am Waldrand lag, konnten sie schon bald die farbenfrohe Außenwelt durch die häßlichen, graubraunen, verkrüppelten Stämme des Bekackten Waldes schimmern sehen. Die Beiden hatten den Weg über kein Wort geredet, weil Satan eilig voraus kroch, während Scheißi staunend die neuen Eindrücke der eintönigen Landschaft in sich aufnahm. Jetzt, im Angesicht des Landes außerhalb des Waldes, blieb er stehen, rieb sich erstaunt die Augen und murmelte: "Was ist denn das häßliches?"

"Das, mein Lieber," sagte die Schlange feierlich, "ist das Arschland. Gefällt es dir nicht?"

"Nein, es hat so komische Farben. Außerdem kommt von da ein Geruch herüber..." Scheißi schnüffelte in den leichten Luftzug, der nach frischen Blumen und grünem Gras duftete, und rümpfte die Schnauze. "Dieser Geruch macht mir angst."

"So etwas habe ich schon befürchtet. Aber hab’ keine Angst, ich bin bei dir."

"Stimmt, das bist du tatsächlich."

"Jetzt komm endlich."

RÜLPS

Rülps die Raupe träumte. Sie träumte, wie sie endlich in den ersten Strahlen der Morgensonne auf einem saftig grünem Blatt ihre noch feuchten Schmetterlingsflügel trocknen ließ und mit ihrem Blick die Schönheit des ganzen Waldes, dieser frischen Oase der Natur, erfaßte. Dann entfaltete sie langsam ihre farbig schillernden Schwingen und machte sich daran, sich in die frische Morgenluft zu erheben. Das war der Punkt, an dem Rülps immer aufwachte und beim Anblick des trüben Lichtes, das träge und ölig durch das schmutzig braune Blätterdach suppte, und beim Gedanken an ihre wirkliche Gestalt regelmäßig in Tränen ausbrach.

Rülps war tatsächlich die Raupe eines prächtigen Schmetterlings in dem unscheinbaren Gewand eines unförmigen braunen Würstchens. Und das schon seit etwa sechs Jahren. Sie hatte von einer Theorie gehört, daß, aufgrund einer perversen Laune der Natur, im Bekackten Wald nichts wirklich Schönes existieren kann, und daß deswegen keine Raupe hier jemals zu einem Schmetterling heranwachsen könne. Nach so langer Zeit als Raupe glaubte Rülps fest daran und haßte die Natur von ganzem Herzen. Einige ihrer Freunde hatten sich schon vor langer Zeit auf den langen und gefährlichen Weg aus dem Wald hinaus gemacht, um sich endlich verpuppen zu können. Keiner war je zurückgekehrt.

Rülps dagegen besaß noch nie genug Mut, um ihr angestammtes Heim zu verlassen. Doch diese dauernden Träume raubten ihr noch den Verstand. Schließlich wußte sie, daß es ihre Bestimmung war, ein schöner Schmetterling zu sein, und so machte sie sich dann doch furchtsam auf die Suche nach Erfüllung in der sagenumwobenen Außenwelt.

Sie brauchte viele Tage und Nächte. Oft war sie kurz davor aufzugeben, zurückzukehren oder einfach dort, wo sie war, liegen zu bleiben und zu sterben. Doch ihre Träume trieben ihr weiter, dem großen Ziel entgegen, und nach langer Zeit erreichte sie endlich den Rand des Waldes. Trunken vor Freude und benommen von dem Duft zahlreicher lockender Blumen fühlte sie ihre Zeit gekommen. Sie kroch an das saftige Blatt einer farbenfrohen Blume und verpuppte sich dort.

Bald barst ihr Kokon und Rülps kroch vorsichtig heraus. Ihr Traum war wahr geworden. Mit noch schwachen dürren Beinen tastete sie sich vorsichtig auf die Oberseite des Blattes. Tau lag auf der grünen Fläche und in der frühen Morgensonne verdunstete sie in leichten Nebelschwaden, die Rülps wie die Schleier von Elfen oder Feen in diesem Paradies der Schönheit erschienen. Sie ließ sich seufzend nieder und wartete, daß ihre Flügel getrocknet wären und daß sie sich endlich in die kühlen Lüfte emporschwingen könnte, die so anders waren, als der stickige Mief innerhalb des Bekackten Waldes. Rülps wartete.

Sitzfleisch"Ich muß mich hinsetzen!" stöhnte Scheißi, als sie die Wiese erreicht hatten, und plumpste zu Boden. Er hörte einen leisen, erstickten Schrei und sprang verwundert wieder auf. Unter sich sah er die zerdrückten Reste eines bunten Schmetterlings, der in der Sonne seine Flügel getrocknet hatte.

"Hoppla!" sagte Scheißi. "Wo habe ich mich denn da hingesetzt?"

"Das ist doch egal", drängte die Schlange. "Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und die Welt wartet darauf, daß wir ihr Verderben bringen."

"Ich wußte nicht, daß wir erwartet werden."

"Das habe ich nur so gesagt."

"Wie, ‘nur so’?"

"Hat dir schon mal einer gesagt, daß du ziemlich bescheuert bist?"

"Das sagt man mir immer wieder."

"Ich habe es geahnt."

"Findest du das etwa auch?"

"Ich fürchte, ja."

"Danke, Satan. Du bist ein richtiger Freund."

Die Schlange schüttelte ihr Haupt und ging weiter. Scheißi folgte treu.