Galerie Scheißi DonkScape ego Service

Episode 9

Scheißi erwachte am nächsten Morgen einmal mehr und befand sich in einem neuen Raum, der mit Matratzen tapeziert zu sein schien, was ihn sehr gemütlich machte. Dafür gab es allerdings kein Bett, keine Fenster außer einer kleinen Luke in der Tür und am wenigsten irgendwelche Bilder.

Sie hatten Scheißi in einen netten Anzug gesteckt.

Das ist aber alles schön hier!

"Hallo," rief er. "Ich kann mich hier drin ja gar nicht bewegen."

Ein Schatten und eine dazugehörige Stimme erschienen hinter der Luke. "Das sollst Du auch nicht. Das ist nur zu deiner eigenen Sicherheit, damit du dir nicht weh tun kannst."

"Oh, das ist aber nett von euch. Dankeschön."

Die Gestalt zögerte kurz, schüttelte dann den Kopf und verschwand wieder. Scheißi freute sich über die rücksichtsvollen Leute hier und wünschte jedem seiner Freunde eine solche Jacke. Seine einzigen Freunde waren das seltsame Kaninchen mit dem glasigen Blick und natürlich Pisskopp.

"Hallo?" rief das Eichhorn wieder. "Hallo, netter Mann!"

"Was ist denn noch?" fragte die Stimme des Pflegers.

"Ist Pisskopp vielleicht hier?"

"Wer?"

"Pisskopp. Er ist mein Freund, und ich bin seiner. Wir spielen immer Nußwurf zusammen."

Wie gewohnt wollte Scheißi demonstrativ die typische Schleuderbewegung ausführen, erreichte mit seiner ruckartigen Bewegung nur, daß er sich ziemlich ungeschickt auf den Bauch warf. Dort blieb er zufrieden liegen und grinste. Der Pfleger seufzte.

"Was ist denn jetzt mit diesem Pisskopp?" fragte er entnervt.

"Naja, ich weiß nicht wo er ist."

"Dann kann ich dir auch nicht helfen."

"Aber ich weiß doch auch nicht, wo ich bin. Darum dachte ich, er sei hier irgendwo, weil ich doch auch hier irgendwo bin."

Der Pfleger kratzte sich verwirrt am Kopf und überlegte, wie jemand nur derart bescheuert sein konnte wie dieses Eichhorn. Dieser Gedanke brachte ihn plötzlich auf eine Idee, die seinen Sinn für Gerechtigkeit empfindlich verletzte. Wütend kehrte er Scheißis Zelle den Rücken zu und machte sich auf die Suche nach dem Chefarzt. Aus dessen Büro hörte er Professor Schwanz’ Stimme.

"...und glotzen Sie mich nicht so komisch an!" schrie er gerade. Obwohl der Professor offensichtlich in einer Besprechung war, stürmte der Pfleger hinein. Drinnen fand er außerdem noch Pater Puschel, der in seiner unnachahmlichen Art knapp an dem Pfleger vorbeisah und ihm zwei seiner Broschüren hinhielt. Der Pfleger versuchte, ihn so gut er konnte zu ignorieren.

Na los, lesen Sie!"Chef, ich glaube das Eichhorn in Zelle fünf will uns in Wirklichkeit nur verarschen."

"Wie meinen Sie das?" fragte der alte Dachs, während der Pater seine Heftchen dem Pfleger in eine seiner Taschen stopfte.

"Ich schätze, er simuliert. Vielleicht will er sich vor dem Wehrdienst drücken oder so was. Ich glaube, Sie sollten ihn noch einmal genau untersuchen. So beschränkt kann doch eigentlich keiner sein, oder?" gab der Pfleger zurück, zog die beiden Ausgaben ‘Wachbau’ und ‘Mümmelt!’ wieder heraus und warf sie auf den Tisch des Professors.

"Doch," gab Schwanz gelassen zurück. "Dieses Eichhorn schon. Gehen Sie wieder auf ihren Posten. Und sollte dieses Tier irgendwelche Fragen haben, so beantworten Sie sie nach bestem Wissen... und nehmen Sie diese Broschüren hier von meinem Tisch!"

Unfug hier einfügen!Mürrisch kehrte der Pfleger in den Trakt mit den Gummizellen zurück und stopfte seine Hefte mühsam in einen Papierkorb, der mehr oder weniger überraschenderweise mit gleichartigen Schriften gefüllt war.

"He, Scheißi!" rief er schließlich in die Zelle, in der das Eichhorn fröhlich damit beschäftigt war, von einem Ende des Raumes zum anderen zu rollen. "Vielleicht ist dein Freund ja tatsächlich hier. Kannst du ihn beschreiben? Ich frage dann mal nach."

"Er stinkt schön." kam die Antwort prompt zurück.

"Das reicht noch nicht, du stinkst ja auch ziemlich stark."

"Danke. Pisskopp hat außerdem noch einen Schwanz."

"Das ist immer noch nicht genug. Hier haben viele einen Schwanz, dich eingeschlossen."

Scheißi verdrehte sich krampfhaft, um dann nach einem Blick auf sein Hinterteil auszurufen: "Tatsächlich!"

"Das kann nicht sein." sagte der Pfleger leise zu sich selbst und überlegte, ob er nicht doch noch einmal mit dem Professor sprechen sollte, während Scheißi kurz etwas verwirrt guckte und dann sagte: "Ja, aber, wenn ich einen Schwanz habe, wie Pisskopp, und auch so stinke, dann bin ich vielleicht gar nicht Scheißi, das geistig vollkommen derangierte Eichhorn, sondern mein Freund Pisskopp."

Der Pfleger war inzwischen verschwunden, um ein Diktiergerät zu holen. Nur mit Tatsachen könnte der Professor überzeugt werden.

"Und er ist übrigens auch mein Freund. Das heißt... Wenn er ich ist, oder bin, dann bin ich er und bin damit mein eigener Freund. Und er ist dann... ähm... wessen Freund? Das ist merkwürdig."

Dem Eichhorn wurde langsam schwindelig, sei es wegen der anstrengenden Gedanken oder, weil er noch immer auf und ab rollte. Zumindest mit letzterem hörte er jetzt auf. Seine Überlegungen dagegen waren einfach zu verwirrend, als daß er sie einfach vergessen könnte.

"Andererseits meine ich mich daran zu erinnern, daß ich in einer Spechthöhle wohne, während Pisskopp, wessen Freund er auch immer sein mag, in einem Karnickelbau wohnt. Das glaube ich zumindest, oder glaube jedenfalls, mich daran zu erinnern. Das bringt mich alles ganz durcheinander. Wenn ich aber nun einen Schwanz habe und stinke und darum, wie ich selbst gesagt habe, Pisskopp bin, wie komme ich dann zu Scheißis Erinnerungen. Warum erinnere ich mich nicht daran, wie Pisskopp ist? Weil ich... ich... Aaaaaha!"

Sein Gehirn vollführte eine nicht gekannte Meisterleistung.

"Weil ich Scheißi bin!" schrie er. "Scheißi, das komplett idiotische Eichhorn!"

Jener Teil seines Denkapparates, der dieses logische Kunststück vollbracht hatte, war vollkommen überlastet und starb schließlich nach einem unerfüllten Leben ab.

Tschüß Gehirn! Tschüß Scheißi!

Scheißi gab dabei einen seiner besonders merkwürdigen Blicke zum Besten, zuckte kurz und pinkelte die Gummizelle voll. Er erholte sich allerdings gleich wieder und begann, so gut und wild er konnte in der Zelle herumzutoben und dabei lauthals zu schreien: "Ich bin Scheißi!"

So traf ihn auch der Pfleger an, als er mit einem kleinen Aufnahmegerät aus den Praxisräumen zurückkehrte. Sofort schaltete er es ein und fragte durch die Luke: "He, was ist denn jetzt passiert?"

"Ich bin Scheißi!" kam die überglückliche Antwort zurück.

"Ach nein! Das habe ich doch schon vorher gewusst."

"Wirklich? Woher? Ich habe es doch gerade erst herausgefunden."

Doch sein Gesprächspartner antwortete nicht, sondern rief nur so etwas wie "Iiiiiiih!" oder "Aaaaaah!" aus. Dann vernahm das Eichhorn ein rasselndes Geräusch und die Tür wurde von außen aufgeschlossen.