Galerie Scheißi DonkScape ego Service

Episode 6

Das Wort Gottes"Friede sei mit dir, Bruder!" säuselte das Karnickel mit lächerlich sanfter Stimme knapp an Scheißi vorbei. "Friede sei mit dir!"

"Friede?" wiederholte er verwirrt und versuchte, dem glasigen Blick zu folgen. "Bruder? Sind wir verwandt?"

"Vor dem Antlitz unseres Herrn Mucky gibt es keine Unterschiede der Art und Rasse, vor ihm sind wir alle gleich, wie Brüder und Schwestern."

"Eigentlich", raunte der Professor den Studenten zu, "sind die Zeugen Muckys eine reine Kaninchen- und Hasensekte. Aber manche Missionare gehen halt zu weit. Psychisch instabile Leute glauben bei all diesem Ohren- und Möhrengefasel irgendwann selbst, sie seien Karnickel. So wie Herr Furz hier, oder, wie die ihn nennen, Bruder Weißnäschen."

"Von den Zeugen Muckys habe ich doch schon irgendwo gelesen!" warf ein Student ein.

"Ja ja, eine Gruppe von ihnen glaubte irgendwann, sie seien alle auserwählt, das Paradies zu besuchen. Sie fraßen so lange alle möglichen Hülsenfrüchte - Erbsen, Bohnen, Linsen etcetera -, bis sie alle an ihren eigenen Ausdünstungen erstickten. Jetzt, wo Herr Furz unserer Obhut übergeben wurde, haben wir auch die Möglichkeit, seine Mahlzeiten von verschiedenen Kohlsorten, Kümmeltees, Zwiebelsuppen, Chili con Carne, Bohneneintöpfen und Erbsensuppe auf weniger risikoreiche Kost umzustellen."

"Warum greifen Sie jetzt bei dem Eichhorn nicht ein? Er wird versuchen, es zu bekehren."

"Keine Sorge," gab der Dachs lächelnd zurück. "Ich glaube, dieser Patient ist zu blöd, um auch nur ansatzweise zu verstehen, was der Pater ihm zu erzählen versucht. Wozu soll ich also versuchen ihn aufzuhalten? Diese Anstrengung spare ich mir mit Freude."

Tatsächlich sah Scheißi den Pater gerade verständnislos an und fragte: "Wer ist denn Mucky?" "Welch scharfsinnige Frage, mein Freund!"

"Oh, bin ich etwa dein Freund?"

"Aber ja, natürlich! In unserer Gemeinde sind wir alle Freunde."

"Bist du dann auch mein Freund?"

"Ähm, selbstverständlich. Das liegt doch auf der Hand, oder?"

"Auf wessen, deiner oder meiner?"

"Na, auf..." Der Pater stockte und sah Scheißi skeptisch an. Dann lachte er verlegen, als hätte das Eichhorn einen Witz gemacht, den der Pater erst nicht erkannt hatte. Natürlich hatte Scheißi das nicht und sah Puschel noch immer fragend an. Das Kaninchen geriet aus dem Konzept.

"Äh, ja... aber fragtest du nicht gerade nach unserem wunderbaren Herrn Mucky? Er ist unser großartiger Gott, der alle Karnickel einst aus einer angebissenen Mohrrübe erschuf. Er hat seinen Sohn Knuddelchen auf die Erde gesandt, um uns von allen Sünden zu befreien."

"Ach ja?"

Knuddelchen, der Sohn unseres Herrn"Oh, ja, indem er in eine Karnickelfalle rannte und dann nach drei Tagen wieder auferstanden ist."

"Er ist also gerannt, hingefallen, lag da ‘rum und ist dann wieder..."

"Ach, nein nein! Er lief in eine Falle und war tot."

"Tot? Dann ist er in eine Pfütze gefallen?"

"Wieso?"

"Er fiel in die Pfütze, wurde naß, man hängte ihn in einem Haus auf die Leine und der Tod trat die Tür ein."

"Aber nein. Was ist das für ein Unsinn!"

"Er kam dann durch das Fenster? Oder war das vielleicht irgendwo draußen? Wo hat man ihn zum Hasenködel gemacht?"

"Wie bitte?" Der Pater brauchte einen Moment, um sich zu fangen und sagte dann: "Das ist alles ganz einfach. Er lief herum und, wenn du das sonst nicht verstehst, fiel hin, blieb da liegen und war einfach so tot."

"Und dann stand er wieder auf?"

"Genau, das ist doch toll, oder?"

"Nö, Pisskopp ist nämlich auch tot."

"Ich weiß zwar nicht, wer das ist, aber er wird sicherlich nicht einfach so wiederauferstehen."

"Wieso nicht?"

"Na, weil er eben tot ist. Nur Knuddelchen konnte das, weil er der Sohn Muckys ist."

"Pisskopp ist der Sohn von Warzenarsch. Da geht das nicht?"

"Nein."

"Schade, dann könnten wir endlich unser Nußwurf spielen!" Mit diesen Worten versuchte er auszuholen und eine Schleuderbewegung zu machen, verhedderte sich aber nur hoffnungslos in seinen Fesseln. Er lächelte zufrieden.

Hedderidih!

Schließlich sagte er: "Die Maden hatten mir übrigens auch schon gesagt, daß das, was tot ist, einfach nur herum liegt und außerdem schön stinkt. Stinkt Knuddelchen auch?"

"Was erlaubst du dir?" schrie der Pater empört auf und war drauf und dran, sich auf Scheißi zu stürzen. Der Pfleger, der noch immer die ganze Zeit teilnahmslos in der Ecke herumgelungert hatte, hielt den Pater zurück. Der beruhigte sich, und Professor Schwanz, der nach wie vor im Türrahmen stand, stöhnte erleichtert.

"Was für teuflische Blasphemien auch immer deinen Kopf verwirren, Bruder, ich vergebe dir, denn du bist noch unwissend. Und darum will ich dich auch teilhaben lassen, an der wundersamen Wunderbarkeit des Glaubens an den wahren Herrn: Mucky! Ich habe dir hier einmal einige Broschüren mit einer wichtigen Nachricht mitgebracht. Sieh nur!"

"Ich kann nicht lesen. Was steht da?"

"Äh, ‘Wachbau’. So heißt diese Broschüre. Behalte sie einfach und sieh dir die bunten Bilder darin an."

Resigniert und auch etwas beleidigt stürmte der Pater aus dem Zimmer und drückte sich dabei an dem Dachsprofessor vorbei, der seine Studenten zufrieden angrinste.

"Ich denke, wir können dann unseren Rundgang fortsetzen, meine Herren."

Er drehte sich um und verschwand, die Studententiere und der Pfleger aus der Ecke folgten ihm treu.

"Jaaaaah! Versucht nur, zu entkommen!" schrie die Schlange, verdrehte dabei Augen und Körper und spuckte wild um sich. "Ihr werdet meiner Verdammnis nicht entkommen! Ihr werdet brennen, jaaa, brrrrennen!"

"Schweig, garstige Kreatur Satans!" erhob darauf das Rebhuhn erstmals seine nasal quäkende Stimme. "Kommt erst der Tag unseres Meisters Mucky, dessen großartiger Göttlichkeit Zeuge zu sein ich die Ehre habe, und seines geheiligten Sohnes Knuddelchen, so wirst du zu jenen gezählt werden, die da hinabgeschleudert werden in die unermeßlichen Tiefen des verdammlichen Vergessens."

"Ich bin der Teufel, das Tier! Ich bin gekommen, denn das Ende ist endlich nahe!"

"Ich bin Bruder Weißnäschen, Zeuge Muckys, und ich sage euch, kehrt ab vom Pfade der Sünden und das Himmelreich wird euer sein."

"Ich bin Scheißi, das restlos gehirnamputierte Eichhorn, und ich habe Hunger!"

QUUAAAAARRRGGGHH!"Ich bin hier der leitende Pfleger und sage, ihr seid ruhig, sonst setzt es was!" bölkte die massige Gestalt einer fetten Kröte im Türrahmen, drehte sich mürrisch um und verschwand wieder.

"Ich habe trotzdem Hunger", sagte Scheißi, hatte man ihm doch in seiner Ohnmacht erneut den Magen ausgepumpt und -gespült. Also begann er schließlich an allem zu knabbern, was sich gerade in Reichweite war: An seinem Kissen, seiner Decke, dem Bettlaken, dem Hemdchen und zuletzt den Fesseln. Letztere hatten von allen den widerlichsten Geschmack nach vollgeschwitztem Plastik. Das Eichhorn fand Gefallen an ihnen und fraß sie teilweise auf. Als es feststellte, daß es sich mit einem Mal frei bewegen konnte, ließ es davon ab und stand auf, um sich etwas ‘Vernünftiges’ zu essen zu suchen.

"Hooo, jaaaah! Stehe auf, Eichhorn, und sei das Werkzeug meines Zorns!" schrie die Schlange. "Gehe hin und vernichte sie alle! Dies ist das Ende!"

"Tut Buße, denn der Tag ist nahe. Das Böse ist gegenwärtig. Es breitet sich in euren Herzen aus und mümmelt an euren Seelen. Und kommt erst das jüngste Gericht, so wird der Herr jene bestrafen, die den Pfad der Tugend verließen, auf daß ihre verfluchten Seelen bis ans Ende aller Tage im Feuer der Hölle schmoren mögen!"

"Soll ich euch etwas mitbringen?" fragte Scheißi noch und machte sich dann auf den Weg.